Dr. Thomas Lange, Vorstandsvorsitzender der NATIONAL-BANK AG
Dr. Thomas A. Lange ist Vorstandsvorsitzender der NATIONAL-BANK AG in Essen und prägt seit vielen Jahren auch das kulturelle Engagement des Hauses. Die Kunstsammlung der Bank gilt als wichtiger Teil ihrer Identität; sie konzentriert sich besonders auf zeitgenössische Kunst mit Bezügen zu Nordrhein-Westfalen, dem Ruhrgebiet und dem Umfeld der Düsseldorfer Kunstakademie (Art Düsseldorf, Ludwig Museum).
Im Interview spricht er über seinen persönlichen Zugang zur Kunst, über Kunst als Haltung im Unternehmen und über die Verbindung von Banking, Vertrauen, Räumen und Verantwortung.
Ihr Interesse an Kunst reicht weit zurück. Sie haben ein persönliches Treffen mit Andy Warhol 1981 in der Kestner Gesellschaft in Hannover einmal als Ihren „Point of no Return“ bezeichnet. Was hat dieser Moment in Ihnen ausgelöst?
LANGE: Begeisterung für die außergewöhnliche Persönlichkeit dieses Jahrhundertkünstlers.
Gibt es ein Kunstwerk, eine Ausstellung oder eine Begegnung, die Ihren Blick auf Kunst bis heute besonders prägt?
LANGE: Nein, das ultimative Kunstwerk, die ultimative Ausstellung oder Begegnung hat es für mich nicht gegeben. Es ist vielmehr der große und vielstimmige Kanon von Arbeiten und Ausstellungen, die ich in meinem Leben habe betrachten können und dürfen. Dasselbe gilt für eine Vielzahl von langjährigen persönlichen Freundschaften mit unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern. Jeder ist, ebenso wie seine Arbeiten, einzigartig.
Lassen Sie mich anders fragen: Welches Kunstwerk oder welche Ausstellung hat Sie besonders beeindruckt?
LANGE: Stets aufs Neue beeindrucken mich die großartig gestalteten Kirchenfenster meines Freundes Markus Lüpertz, etwa in der romanischen Kirche St. Andreas im Erzbistum Köln, in der Marktkirche in Hannover oder im Naumburger Dom – farbenprächtig, überirdisch, Tore zum Himmel. Bei den Ausstellungen bin ich um Beispiele verlegen, nicht weil ich keine vor Augen habe, sondern weil ich die Sorge habe, welche zu vergessen.
„Anders als andere Finanzinstitute hat die National-Bank stets den Menschen in den Mittelpunkt gestellt, sei es als Kunde, Kollege oder Eigentümer.“
Die NATIONAL-BANK versteht ihre Kunstsammlung nicht als Dekoration, sondern als Teil der eigenen Identität. Was kann Kunst über ein Unternehmen erzählen, was Leitbilder, Zahlen oder Geschäftsberichte nicht erzählen können?
LANGE: Kunst zu sammeln, sie durch Präsentationen, sei es in der Bank oder in Museen auszustellen und dadurch mit anderen Menschen zu teilen, spiegelt eine Haltung – eine Haltung, die Teil einer richtig verstandenen unternehmerischen Verantwortung ist. Aus ihr leitet sich das kulturelle und gesellschaftliche Engagement der National-Bank ab, das angesichts seiner Langjährigkeit, seiner Beständigkeit sowie seiner Vielfältigkeit markenbildend geworden ist. Das entsprach weder einer Strategie noch einem Plan. Es hat sich so entwickelt. Anders als andere Finanzinstitute hat die National-Bank stets den Menschen in den Mittelpunkt gestellt, sei es als Kunde, Kollege oder Eigentümer. Teil dieser Haltung ist eine menschliche Wertschätzung, die letztlich einer humanistischen Bildung entspricht. Sie ist, eher zufällig, auch ein Reflex auf die Gründung durch die Christlichen Gewerkschaften.
Banking basiert auf Vertrauen, Verlässlichkeit und langfristigen Beziehungen. Kunst lebt oft von Offenheit, Irritation und Mehrdeutigkeit. Wie passen diese beiden Welten für Sie zusammen?
LANGE: Durch Offenheit, Irritation oder Mehrdeutigkeit stellt Kunst etwas infrage und öffnet damit neue Denkräume. „Sapere aude“ ließe sich mit den Worten von Kant sagen. Auch im Bankgeschäft bedarf es der Fähigkeit und des Willens, sich immer wieder zu hinterfragen und das eigene Verhalten, das eigene Tun, selbstkritisch zu beleuchten. Dies vor allem deshalb, weil eine Bank, eine gute Bank, keine Produkte verkauft, sondern Dienstleistungen anbietet. Und das Wort „Dienstleistung“ setzt sich nun einmal aus den Verben „dienen“ und „leisten“ zusammen. Es geht also darum, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Und damit wären wir wieder bei der Haltung.
Sie haben einmal sinngemäß gesagt, es gehe bei Kunst im Unternehmen nicht um „Bebilderung“, sondern um Haltung. Woran erkennt man, ob ein Unternehmen Kunst wirklich ernst nimmt?
LANGE: Dafür gibt es keine fest definierten Voraussetzungen, die es zu erfüllen gilt. Es sind vielmehr Indizien. Beispiele hierfür sind: Ist die Förderung von Kunst Teil der Unternehmenskultur oder lediglich eine Frage des Marketings? Sind die Mitarbeitenden – zumindest im Groben – mit der Kunst vertraut? Wie stehen sie dazu? Gibt es Mitarbeitende, die sich ausschließlich um die Kunst und die damit verbundenen Themen wie pädagogische Vermittlung kümmern? Gibt es eigene Initiativen des Unternehmens? Oder anders gefragt: Verfolgt das Unternehmen ein aktives, das heißt selbst gestaltendes Engagement oder beschränkt es sich – passiv – darauf, gelegentlich Anfragen zur finanziellen Unterstützung von Ausstellungen positiv zu beantworten? Und last but not least: Wie ist der „Tone from the top“, also der Ton und das persönliche Engagement der Unternehmensleitung?
„Es ist die eine Welt, die Künstlerinnen und Künstler bewegt. Für die National-Bank ist das Sammeln von Kunst nicht regional verankert.“
Die Sammlung der NATIONAL-BANK hat starke Bezüge zu Nordrhein-Westfalen, zum Ruhrgebiet und zur Düsseldorfer Kunstakademie. Ist Kunst für Sie auch eine Form von regionaler Verankerung?
LANGE: Sie kann es sein und war es historisch betrachtet früher viel mehr als heute. Nehmen Sie die venezianischen Arbeiten Canalettos, die in Arles entstandenen Bilder van Goghs oder Monets, die rund 250 Seerosen Monets, die er in seinem Garten in Giverny malte. Allgemeiner betrachtet – die holländischen Landschaftsmaler oder die Impressionisten. Auch die sogenannten Künstlerkolonien in Barbizon, Montmartre oder Worpswede waren mit ihren Sujets regional verankert. Selbst die Leinwände von Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring sind letztlich ein Reflex auf ihre New Yorker Herkunft bzw. Sozialisation. Heute sind die Bildgegenstände, unabhängig von der Abstraktion, vielfach entgrenzt. Sie sind global geprägt. Es ist die eine Welt, die Künstlerinnen und Künstler bewegt. Für die National-Bank ist das Sammeln von Kunst nicht regional verankert. Die Akademie mit ihren Standorten in Düsseldorf und in Münster ist lediglich der Anknüpfungspunkt für das kulturelle und gesellschaftliche Engagement in der bildenden Kunst. Ihre Schüler und Lehrer kommen aus aller Welt. Dementsprechend sind Arbeiten von Rita McBride, Tony Cragg, Richard Deacon oder Leunora Salihu, um nur einige zu nennen, Teil der Sammlung. In ihr sind aber auch Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Marta Pan, Jessica Stockholder oder Yves Klein enthalten. Insofern beschreibt die Bezugnahme auf die Akademie den Fokus, nicht aber die Exklusivität.
Was verändert sich, wenn Kunst nicht im Museum, sondern in einer Bank, einem Foyer, einem Besprechungsraum oder einem Arbeitsumfeld gezeigt wird?
LANGE: Es bedarf einer größeren Konzentration und einer intensiveren Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk. Ein Museum, ein White Cube, ermöglicht in seiner ablenkungsfreien Umgebung eine Fokussierung auf ein Bild, eine Zeichnung oder eine Skulptur. Es gibt keine wahrnehmbaren Lästigkeiten, weder optisch noch akustisch. Die Kunst steht im Mittelpunkt. In einer Büroarchitektur muss sich die Kunst behaupten. Sie steht neben Einrichtungsgegenständen, Arbeitsmöbeln sowie modernen Kommunikationsinstrumenten. Auch die Beleuchtung ist eine andere. Sie dient dem Menschen, nicht der Kunst.
„Gutes Bauen und solide Bankgeschäfte sind urewig.“

Fenne Bau hat mehrere Projekte für die NATIONAL-BANK umgesetzt. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Verbindung zwischen gutem Bauen und gutem Banking, etwa in Fragen von Präzision, Vertrauen, Bestand und Verantwortung?
LANGE: Ja, unbedingt. Gutes Bauen und solide Bankgeschäfte sind urewig. Beide Gewerbe leben in besonderer Weise vom Vertrauen der Menschen, das es immer wieder zu rechtfertigen gilt. Das Haus oder die Wohnung ist der Schutzraum des Menschen. Seit der Neolithischen Revolution, dem Übergang zur Sesshaftigkeit, vor etwa 12.000 Jahren ist es ein menschliches Bedürfnis, Geborgenheit zu suchen. Insofern müssen der Bau und damit auch das Bauunternehmen verlässlich sein. Ebenso verhält es sich mit einer guten Bank. Sie muss zuverlässig sein, denn sie arbeitet mit dem Geld anderer Menschen. Sie vertrauen ihr ihre Ersparnisse in der berechtigten Erwartung eines ordnungsgemäßen Umgangs damit an. Und noch etwas verbindet Bau und Bank: Für viele Menschen ist der Erwerb einer Immobilie der größte bzw. teuerste oder wichtigste Kauf ihres Lebens. Er ist in der Regel nur mit einer Bank zu verwirklichen.
Kunst braucht Räume, und Räume prägen, wie Kunst wahrgenommen wird. Was macht für Sie einen guten Raum für Kunst aus?
LANGE: Es kommt darauf an.
Worauf?
LANGE: Auf die Kunst.
Warum?
LANGE: Weil Kunst so vielfältig ist. Es gibt keinen Raum, der sich absolut als „gut“ bezeichnen ließe. Stets ist es eine relative Betrachtungsweise, denn sie hängt von der jeweiligen Kunst ab. Ein Beispiel ist die Land Art, eine Kunstrichtung, die Ende der 1960er Jahre entstand und die Natur nicht nur als Motiv abbildet, sondern selbst zum Kunstobjekt und Arbeitsraum macht. Oder Kunst im öffentlichen Raum. Sie ist die höchste Form der Demokratisierung von Kunst, indem sie ein Kunstwerk ungeschützt in der Öffentlichkeit präsentiert, wo sie sich in der jeweiligen Umgebung behaupten muss. Vor diesem Hintergrund – und um Ihnen keine Antwort schuldig zu bleiben – lautet meine Antwort: Ein Raum ist für die Kunst dann gut, wenn sie sich dort entfalten und ihre Wirkmächtigkeit zur Geltung bringen kann.
Wenn Sie einem jungen Menschen in einem Satz erklären müssten, warum eine Bank Kunst sammelt: Wie würde dieser Satz lauten?
Eine Bank lebt nicht vom Geld allein.
Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Lange.

Jedes unserer realisierten Bauprojekte entsteht durch erfolgreiche Teamarbeit. Grundlage hierfür sind wertschätzende, langjährige Bindungen an unsere Mitarbeiter und ein stetig wachsender Erfahrungsschatz.
Lernen Sie uns kennen. Kommen Sie ins Fenne-Team.
„Partnerschaftliches Arbeiten ist die Grundvoraussetzung für einen gemeinsamen Wertezuwachs.“




